Informationen über die Hautbiopsie

Historischer Hintergrund

Die Biopsie nimmt in der medizinischen Diagnostik eine zentrale Stellung ein. Trotz der Entwicklung bildgebender Diagnostik und moderner serologischer Nachweisverfahren gibt die histopathologische Beurteilung des Gewebes weiterhin den »gold standard« vor. Dies gilt besonders für Erkrankungen der Haut, zum einen wegen ihrer leichten Zugänglichkeit, zum anderen wegen der hohen Aussagekraft dermatohistopathologischer Untersuchungen. Seit vielen Jahrzehnten werden Hautaffektionen regelmäßig biopsiert, und die histopathologischen Befunde können – im Unterschied zu Krankheiten anderer Organe – leicht mit dem klinischen Bild korreliert werden. Die Dermatopathologie ist daher viel weiter entwickelt ist als die Pathologie anderer Organsysteme.

Den Anstoß zu dieser Entwicklung gab die Einführung der Biopsie vor über 100 Jahren. Auch zuvor waren Hautkrankheiten mikroskopisch untersucht worden, jedoch nur beiläufig im Rahmen von Autopsien oder »Nekropsien«. Im Unterschied zur »Nekropsie«, der Entnahme toten Gewebes, prägte der Dermatologe Ernest Besnier 1879 den Begriff »Biopsie« für die Entnahme lebenden Gewebes. Besnier schrieb damals:»Kutane Veränderungen wurden nicht nur durch eine Serie von Nekropsien in definitiver Form untersucht, sondern man hat viele Fragen auch am Lebenden geklärt, indem man eine histologische Untersuchung von kleinen Fetzen des Integuments oder Fragmenten kranken Gewebes durchgeführt hat. Diese Untersuchungsmethode, tatsächlich eine Biopsie (ein neuer Begriff, den wir als Bezeichnung für diese neuartige Untersuchungsmethode vorschlagen), ist ein reguläres Verfahren der klinischen Diagnostik, dessen Bedeutung beträchtlich ist. Man benötigt für gewöhnlich nur sehr kleine Haut- oder Gewebefragmente, die von erfahrener Hand mit Hilfe einer Lanzette entnommen werden, um die unbestreitbarsten und vollkommensten histologischen Resultate zu erhalten.«

Besnier empfahl die Biopsie nicht als diagnostisches Routineverfahren, sondern schränkte ihre Anwendung auf wissenschaftliche Fragestellungen ein: »Wir hoffen, man wird nicht annehmen, dass wir diese klinischen Vivisektionen einsetzen oder einzusetzen vorschlagen, wenn es um die Diagnose gewöhnlicher oder in klassischer Form beschriebener Affektionen geht, deren Bild abgerundet ist. Sie sollten wohlgemerkt stets den Fällen vorbehalten sein, bei denen eine vollständige Diagnostik nach dem gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse ohne dieses Hilfsmittel absolut unmöglich ist, oder auch dann, wenn es darum geht, einen zweifelhaften Punkt in der Natur der Affektionen zu bestimmen, den man durch ekropsien niemals wird klären können.«

Der Grund für die Besniers Zurückhaltung lag vor allem darin, dass Patienten ein schmerzhafter Eingriff nicht ohne weiteres zuzumuten war, denn die Möglichkeiten der Lokalanästhesie waren damals begrenzt. Bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts hinein erfolgte eine lokale Anästhesie praktisch nur durch Kälteanwendung, zum Beispiel mit Aethylchlorid oder Chloraethyl, und oft wurde ganz auf eine Anaethesie verzichtet. Eine Änderung brachte erst das Jahr 1884, als der Wiener Ophtalmologe Carl Koller über schmerzfreie Staroperationen nach Einträufeln einer Kokainlösung ins Auge berichtete. Diese Nachricht verbreitete sich rasch, und schon ein Jahr später wurde Kokain auch in die Haut injiziert, z.B. vom amerikanischen Chirurgen William Halstedt, der im Laufe seiner Studien von Kokain abhängig wurde.

Trotz solcher Nebenwirkungen setzte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Infiltrationsanästhesie für kleinere Eingriffe durch und hatte großen Anteil daran, dass die Biopsie zu einem diagnostischen Standardverfahren wurde. Die Zunahme von Hautbiopsien ging mit der Entwicklung unterschiedlicher Biopsietechniken einher. 1876 hatten Heinrich Auspitz und Hans von Hebra den scharfen Löffel eingeführt. 1887 beschrieb der amerikanische Dermatologe Edward L. Keyes den » Punch« , den er ursprünglich entwickelte, um bei einem jungen Mann Pulvereinsprengungen im Gesicht zu entfernen. Er schilderte ihn als »Hautstanze... mit einer scharfen Schneide und einem Durchmesser von einem Millimeter aufwärts ... Wenn diese kleinen Instrumente auf die Haut gesetzt und scharf gedreht werden, schneiden sie ein rundes Stück aus dem Integument, dessen Durchmesser ihrem Lumen entspricht und dessen Tiefe entsprechend dem ausgeübten Druck variiert werden kann.« (15)